Der Begriff «Marte Meo» kommt aus dem Lateinischen und bedeutet «aus eigener Kraft». Das ist auch der Kern, der mit dieser Kommunikationsmethode angeregt werden möchte: Die eigenen Kräfte und Ressourcen mobilisieren im Vertrauen darauf, dass Entwicklung und Aktivierung in jeder Situation gelingen kann. Die Methode wurde und wird immer noch von Maria Aarts, einer Niederländerin, entwickelt. Inzwischen wird sie in den unterschiedlichsten psychosozialen Bereichen in 50 Ländern angewendet. Weltweit gibt es eine Vielzahl an Marte Meo Fachleuten, die sich mit Artikeln, Büchern und der Weiterentwicklung der Methode in ihrem Fachbereich engagieren.

Was Eltern im Alltag mit den Kindern beobachten

Für die verschiedensten Situationen und Fragestellungen bietet die videobasierte entwicklungsorientierte Marte Meo Methode eine gute Basis mit hilfreichen Informationen, um Kinder angepasst zu begleiten und entwicklungsorientiert zu fördern.

Die folgenden Beispiele aus Elterncoachings lassen sich auf den Kita-  oder Schullalltag übertragen.

Die Mutter von Leon (7-jährig, erfundenes Fallbeispiel) beobachtet immer wieder, dass ihr Sohn des Öfteren heftige Wutanfälle hat. Manchmal eskalieren Situationen, zum Beispiel, wenn er von der Schule nach Hause kommt. Da reicht ein falsches Wort oder wenn man etwas zu schnell von ihm erwartet. Dann wird seine Wut unbändig. Leo schreit, stampft mit den Füssen und ist so wütend, dass er das, was man ihm sagt, nicht mehr hört. Beim Uno-Spielen und auch bei anderen Spielen beobachtet Leons Mama, dass Verlieren für Leo sehr schwierig ist. Das macht ihn so richtig wütend. Da fliegen seine Spielkarten manchmal quer durch den Raum. Die Situation mit den häufigen Wutanfällen belastet alle.

Sina (5-jährig, erfundenes Fallbeispiel) denkt schnell und hat darum auch viele Ideen. Sehr vielschichtig und komplex ist das, was sie sich vorstellt. In ihrer Fantasie steht das Puppenhaus schon, ist eingerichtet und genau in der Farbe angemalt, die sie so liebt. Diese genauen Vorstellungen und was dafür zu tun wäre, führen immer wieder zu Reibungen und Konflikten mit den Eltern. Denn Sina hat im Moment noch etwas Mühe, mit Stiften und Schere so umzugehen, wie sie möchte. Das ist unheimlich frustrierend für sie. Gerne erteilt sie dann Mama und Papa Aufträge, was sie zu tun sollen, um Sinas Ideen umzusetzen. Das machen die Eltern dann auch oft, aber leider mit dem Effekt, dass sich Sina noch weniger zutraut. Bevor sie selber überhaupt probiert, fragt sie ihre Mama schon: «Kannst du das für mich tun?»

Max (2-jährig, erfundenes Fallbeispiel) spricht kaum. Das bereitet seinen Eltern Sorgen. Der Kinderarzt hat Max untersucht: hören kann er gut und auch sonst ist alles in Ordnung. Nun fragen sich die Eltern, wie sie Max in seiner Sprachentwicklung gut begleiten können. Auch in der Kita ist es ein Problem, dass Max sich nicht gut äussern kann. Da er kaum spricht, kann er seine Bedürfnisse nicht gut ausdrücken und kommt nicht zu dem, was er braucht. Für die pädagogische Fachkraft in der Kita ist es sehr anspruchsvoll, Max mit seinen Bedürfnissen gut zu unterstützen. Was interessiert ihn, wo braucht er Hilfe, wie kann man ihn gut fördern? Das sind die Fragen, die sich die pädagogischen Fachpersonen zurzeit stellen.

Wie geht man in einem Marte Meo Elterncoaching vor?

Im Gespräch mit den Eltern werden die aktuelle Situation und die Schwierigkeiten erläutert, sodass sich die Ausgangsfrage für das Coaching herauskristallisiert. Mögliche Themen: Gefühlsregulierung, unterstützen der Sprachentwicklung, Aufmerksamkeitsfragestellungen, Begleitung von Kindern mit Autismus-Spektrum-Störungen, psychosomatische Fragestellungen, Fördern von Kommunikationsfähigkeiten, unterstützen der sozial-emotionalen Entwicklung und vieles mehr.

Die Eltern bekommen zu Beginn den Auftrag, zwei Filme von 3-5 Minuten von einer freien sowie einer strukturierten Situation zu filmen. In der freien Situation geht das Kind seinen Ideen nach und entwickelt aus sich heraus Initiativen, eine gute Grundlage für die kindliche Entwicklung. Die Eltern folgen mit ihrer Aufmerksamkeit und geben wert- und urteilsfrei Wörter für das Beobachtete. Ideale Beschäftigungen sind beispielsweise freies Spielen, Zeichnen, Basteln oder bei älteren Kindern auch Gespräche. Regelspiele, zusammen Kochen oder Backen, Hausaufgaben machen, zusammen Essen sind strukturierte Situationen. Sie haben gemeinsam, dass sie gewisse Strukturen, Regeln und auch Vorgaben haben.

Aufgrund dieses Filmmaterials nimmt der Marte Meo Therapist eine Entwicklungsdiagnose vor. Dies kann man sich als dynamische Arbeitsgrundlage für einen Lernprozess vorstellen. Von Interesse ist, welche Ressourcen das Kind und die begleitende Person haben und was noch zu entwickeln ist. Aufgrund dieser Beobachtungen stellen wir Entwicklungspunkte für den Lernprozess des Coachings zusammen. Hilfreich sind dabei unter anderem die verschiedenen Marte Meo Checklisten: Ausgehend von der Ausgangsfrage werden bildbasiert mit dem 3W-Beratungssystem – wann, was, wozu – Informationen vermittelt. Der Coaching-Prozess wird dynamisch und individuell an das Gegenüber angepasst. Was an dieser Methode sehr beeindruckt: Der Fokus liegt auf dem Gelingenden und nicht auf den Problemen. So ist die Botschaft hinter herausforderndem Verhalten eine Einladung zu Entwicklung bei Kindern und begleitenden Personen.

Zurück zu Leon, Sina und Max

Was könnten mögliche Ausgangsfragen von den Eltern oder begleitenden Fachpersonen von Leon, Sina und Max sein? Anhand der Ausgangsfragen kann Marte Meo einige hilfreiche Anregungen geben. Die beschriebenen Marte Meo Elemente unterstützen in allen Kontexten entwicklungsorientiert und aktivierend. Detailliert und ausführlich werden sie im aktuellen Buch von Maria und Josie Aarts «Das goldene Geschenk» beschrieben.

Die im Folgenden beschriebenen Marte Meo Elemente sind im Coaching bildbasiert und damit natürlich viel wirkungsvoller und können individuell passender vermittelt werden. Die Anregungen lassen sich auch ohne Filme anwenden. In videobasierten Coachings kann mit Mikrosequenzen intuitiv Gelingendes wahrgenommen werden. Dadurch ist Selbstreflexion möglich, die eigenen Kompetenzen werden gestärkt und persönliche Kräfte können besser eingeteilt werden. Eltern und pädagogische Fachleute können sich so auch in anspruchsvollen Situationen als selbstwirksam erleben. Nun zu den Kindern und den möglichen Ausgangsfragen.

Leon

Wie kann man Leo dabei unterstützen, mit seinen Gefühlen umgehen zu lernen? Und was kann man tun, damit Situationen nicht so eskalieren?

In schwierigen Momenten

Leons` Gefühle benennen (Wörter geben)

Leon hilft es Wörter für seine Gefühle zu bekommen, damit er sich nicht so alleine fühlt, seine Gefühle wahrnehmen und sich regulieren kann. Auf diese Weise bekommt Leon Wörter für seine Gefühle und kann sich mehr und mehr selber dazu äussern. Wörter geben kann man Handlungen und Gefühlen. Über das «Wörter geben» werden Kinder in ihrer Selbstwahrnehmung gestärkt - eine wichtige Basis der Selbstregulierung. Oft zeigen sich feine Nuancen von Gefühlsregungen im Gesicht. Manchmal ist es ein feines Hochziehen der Mundwinkel, das ein Lächeln andeutet, oder die Augen des Kindes, die beim Nachdenken nach oben wandern.

Anschluss und Schritt für Schritt Anleitung

Dient dazu, dass das Kind und die begleitende Person quasi im gleichen Projekt sind. Das kann beispielsweise geschehen über: eine Berührung, ein Lächeln, das Nennen des Namens, Gesagtes des Kindes wiederholen, Wörter geben (urteils- und wertfrei), einem einladenden Ton oder indem man sich dem Kind nähert. Auf diese Weise wird eine emotionale Grundlage gelegt, dass das Kind für eine Kooperation bereit ist. Erst dann kann das Kind Schritt für Schritt, in passenden Tempo und Informationsmenge, angeleitet werden.

Sich benennen (Sich Wörter geben)

In dem man eigenen Handlungsimpulsen Wörter gibt, wird man für das Kind vorsehbar. So weiss Leon, woran er ist und bekommt damit Struktur und Orientierung. Schön ist, wenn den eigenen Gefühlen Wörter geben werden (zum Beispiel: «Ich bin heute so fröhlich», «Das macht mich gerade so wütend», «Ich freue mich sehr» und so weiter). Auf diese Weise kann das Kind grösstmöglich von der begleitenden Person als Vorbild profitieren. Das Kind hat die Gelegenheit, über Nachahmung zu lernen, wie man unter anderem mit Gefühlen umgehen könnte.

Längerfristige Begleitung

Aufmerksam warten, folgen und benennen

Der Fokus in der Begleitung der Kinder mit Marte Meo liegt nicht auf den Problemsituationen. Freie Situationen werden genutzt, um Leon in seiner Gefühlregulierung zu unterstützen, damit er Selbstvertrauen tanken kann, auf seinem Weg ermutigt wird, positive Aufmerksamkeit bekommt und Ideen entwickeln kann. So hat er in schwierigen Momenten hilfreiche Ideen und eine innere Struktur mit den Schwierigkeiten umzugehen. Leon wird dann von den Eltern mit voller Aufmerksamkeit und Interesse begleitet und beobachtet. Damit ein Kind seine nonverbalen und verbalen Handlungsimpulse aus sich heraus entwickeln kann, braucht es Zeit und Raum. Aktionen, Gefühle, Blicke, Töne und Bewegungen sind alles mögliche Handlungsimpulse.

Gute Atmosphäre

Dazu gehören ein freundliches Gesicht und eine einladende Stimme. Beides Elemente, die das Kind dabei unterstützen und anregen, das abrufen zu können, was es bereits weiss und es zur Kooperation einzuladen. Wie schön, wenn das Kind in ein ermutigendes Gesicht blickt und damit weiss: Ich werde gesehen und bin auf einem guten Weg. Es ist in den Filmen immer wieder eindrücklich zu sehen, wie wirkungsvoll ein freundlicher Gesichtsausdruck auch für die Gefühlsregulierung sein kann.

Auch die Elemente aus den schwierigen Moment spielen in der längerfristigen Begleitung eine wichtige Rolle.

Sina

Wie kann man Sina ermutigen, ihre feinmotorischen Fähigkeiten oft anzuwenden und damit auf ihrem Lernweg voranzukommen? Wie kann man Sina unterstützen, eigene Lösungen mit ihren Fragen und Problemstellungen zu entwickeln?

Die Marte-Meo-Elemente von Leon sind auch für die Fragestellung von Sina hilfreich. Hier noch einige zusätzliche Anregungen:

Lösungmodelle entwickeln

Eigene Lösungsmodelle entwickeln können Kinder einerseits in freien Situationen, wenn man ihnen die Gelegenheit gibt, Probleme selber zu lösen, ihren Initiativen folgt und sie benennt. Andererseits damit, dass man sie Schritt für Schritt in ihrem Anliegen unterstützt.

Aufmerksam warten und Zeit geben

Manchmal brauchen Kinder Zeit, um nachzudenken, Ideen zu entwickeln, auszuprobieren, zu experimentieren und Fehler zu machen. Die Begleitung orientiert sich idealerweise an der Entwicklung des Kindes und knüpft dort an, wo sich das Kind auf seinem Lernweg befindet, auch wenn die begleitende Person schon eine Idee zum nächsten Lernschritt hat.

Bestätigen

Das kann sehr unterschiedlich geschehen. Mit einem «Ja» und auch ausführlich mit einem Satz in einem ermutigenden Ton. Mit dieser Rückmeldung kann das Kind wahrnehmen: Ich werde gesehen, ich bin auf einem guten Weg und es ist eine gute Idee mit dieser Initiative fortzufahren.

Nuanciertes Feedback

Kinder profitieren sehr von differenzierten Rückmeldungen. So kann es für Sina sehr hilfreich sein, eine Rückmeldung zu bekommen, wenn es ihr gelingt, den Stift nun mit drei Fingern schon etwas entspannter zu halten. Oder wenn sie hört, wie sehr sie sich bemüht und dranbleibt. Kinder bekommen so detaillierte Informationen darüber, wie sie etwas machen, was gut gelingt oder auch, dass sie jemand sind, der mit Problemen umgehen kann und Ausdauer hat. Sie können so überprüfen, was beim Gegenüber ankommt. Sie können sich auch als selbstwirksam wahrnehmen und ein nuanciertes Selbstbild aufbauen.

Max

Was kann man im Alltag tun, um die Sprachentwicklung von Max anzuregen?

Wie auch Leo und Sina profitiert Max von den schon beschriebenen Anregungen und Marte Meo Elementen:

Aufmerksam warten und folgen

Auch wenn Max noch nicht viel spricht, so denkt und handelt er und entwickelt Initiativen und Ideen. Er profitiert von dem Interesse und der vollen Aufmerksamkeit des Gegenübers. Das Folgen seiner Handlungsimpulse zeigt ihm, ich werde gesehen und aktiviert so seine Kräfte und Ressourcen.

Das Kind und sich benennen (Wörter geben)

Indem dem Kind für seine Handlungen und Gefühle Wörter geben werden, kann es diese mit seinem Tun und Fühlen verbinden. Dies soll wert- und urteilsfrei geschehen. Auf diese Weise kann das Kind in einem ersten Schritt seinen Wortschatz erweitern und wird eingeladen, Gesagtes zu wiederholen, wenn für das Kind der passende Moment gekommen ist. Auch indem man die eigenen Handlungsimpulse benennt, ermöglicht man dem Kind, seinen Wortschatz aufzubauen.

Entwicklungsunterstützung

Druck und forciertes Anregen wirken oft kontraproduktiv. Eine guten Atmosphäre (freundliches Gesicht, einladende Stimme) ist eine gute Basis, damit das Kind sein Wissen abrufen und nächste Entwicklungsschritte aus sich heraus entwickeln kann. Die einzigartigen Entwicklungspotentiale, Interessen und Talente jedes Menschen, nennt Maria Aarts «Goldmine». Mit den verschiedenen Marte Meo Elementen, die individuell angepasst werden, kann das elterliche und pädagogische Umfeld als Lernfeld für Entwicklung bei verschiedenen Fragestellung und entwickeln der Potentiale der Kinder genutzt werden.

 

Autorin:

Kathrin Berweger Konzelmann,

Marte Meo Therapist und Colleague Trainer, Integrative Begabungs- und Begabtenförderung (MAS, FHNW), Gymnasiallehrerin für Kunst (ZHdK).

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Bilder Canva

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